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Die European Youth Media Days in Brüssel
Published: Jun 29, 2007 - 08:49 PM
Man stelle sich 270 Medienmacher aus 27 Ländern vor, die zusammenkommen, um gemeinsam über Europas Probleme hinsichtlich der Politik und der Medienlandschaft zu diskutieren, die zudem noch eigene Medien produzieren. Ist das europäische Integrationsproblem nach 50 Jahren harter Zusammenarbeit gelöst? Was wird folgen? Welche Rolle spielen Medien in der Politik unseres Jahrhunderts? Wie könnte die Medienlandschaft der Zukunft aussehen?
Mit letzterer Frage beschäftigte sich die Bewerbung, die für die Teilnahme nötig war und da ich mir diese Chance nicht entgehen lassen wollte, lies auch ich meiner Fantasie freien Lauf : Euroty, der Pocketcomputer für jeden Europäer. Filme, Zeitungsartikel und Wahlen sind im gesamteuropäischen Vergleich immer abrufbar, unverfälscht und rücken Europa näher.
Leider konnten von den über 2500 Bewerbungen nur 270 Leute genommen werden, so dass ich mir wenig Hoffnung machte, ausgesucht zu werden. Doch dann kam sie, die Nachricht: "You are selected" - mein Traum ging in Erfüllung! Die Euphorie, die ich hierfür empfand, setzte sich in den kommenden Wochen mit den Vorbereitungen für die EYMD kontinuierlich fort und ich darf bemerken, dass das für eine Pessimistin wie mich schon ein äußerst gewöhnungsbedürftiger Zustand ist.
Dann, am 27. Juni, war es endlich soweit. Ab in das von Geschäftsmännern dominierte Flugzeug nach Brüssel mit anschließendem Zugtransfer zum Nordbahnhof. Weiter kam ich zunächst nicht. Wo war denn bitteschön Busstation Nummer 61 Richtung Montgomery, die auf meiner Wegbeschreibung stand? Egal ob englisch, französisch, deutsch, niederländisch oder polnisch gefragt, irgendwie konnte mir niemand weiterhelfen. Die Zeit drängte, ich musste pünktlich in meiner Jugenherberge 'Le Chab' sein... Völlig orientierungslos führte mich mein Weg zu dem Hinweisschild ' Patron', wo auch des Rätsels Lösung war: " Patron 7, Bus 61 Montgomery". Innerlich beruhigt traf ich letztlich doch noch in meinem 'neuen Zuhause' ein, wo ich auf internationalem Niveau von vielen anderen Teilnehmern herzlich begrüßt wurde. Dass ich mit meiner neuen italienischen Freundin Diletta noch vor dem Einchecken bei einem Einkaufsbummel ein weiteres Mal die Orientierung verlor, lasse ich besser aus. Ich sage nur soviel: Gut, dass es überall hilfsbereite Belgier gibt, die bereit sind, Touristen von einem Ende Brüssels zum anderen zu führen. Viel interessanter als das 'Verlorensein in Brüssel' ist die Konsistenz der Mitbewohner in meinem Acht-Bett-Zimmer: zwei Rumänerinnen, zwei Tschechinnen, eine Französin, eine Italienerin, eine Niederländerin und eine Deutsche, also ich. Es ist einfach faszinierend mitzuerleben wie gut das Verhältnis zwischen uns 'Internationalen' ist, denn mit dem Gebrauch von Englisch scheint es hier keine Sprachbarrieren zu geben und wir alle lernen eine Menge von den anderen europäischen Kulturen dazu. Europäisches Flair, dessen Harmonie wahrscheinlich darauf basiert, dass wir alle aus dem selben Grund hergekommen sind: wir alle wollen kooperativ Medien produzieren und neue Bekanntschaften knüpfen. Das erklärt auch die grandiose Atmosphäre in unserer Herberge. Außerdem sorgte das EYMD-Team schon beim ersten Treffen mit einem Bingospiel im Europäischen Parlament dafür, dass wir untereinander mehr ins Gespräch kamen. In Gruppen mit jeweils fünf Personen eingeteilt, mussten wir einen Gruppennamen kreiren, Radiojournalisten ausfindig machen, ebenso wie Nationalitäten, Teilnehmer, die sich nicht europäisch oder gar alt fanden, das längste Wort im Englischen und zuletzt festlegen wo Europa anfängt und endet. Auf diese Weise haben wir mit jedem kommuniziert.
Im Anschluss, wurden die EYMD offiziel vom Präsidenten des Europaparlaments und ehemaligen Goldmedaillenträger im Fechten, Hans-Gert Pöttering, eröffnet, der uns als die 'nächste Generation der Journalisten', dazu aufrief, offen, kreativ und kritisch das gesamteuropäische Bild in der Öffentlichkeit widerzuspiegeln und aus den unterschiedlichen Erfahrungen und Werten Nutzen zu ziehen. Ferner erwartete uns eine Großzahl weiterer bedeutsamer Persönlichkeiten aus dem Politik- und Medienbereich wie beispielsweise Francesca Ratti, Jaume Duch Guillot, Lorenzo Consoli und Pàl Schmitt. In Debatten zeigten sie die großen Defizite Europas genauso wie die bereits erreichten Erfolge. Ehemals von 15 Ländern gegründet, genießt die EU in der ganzen Welt aufgrund ihrer Diplomatie hohes Ansehen. Die Frage, inwiefern die Europäische Union noch erweitert werden sollte und ob nationale Interessen in der Politik eher als die internationalen vertreten werden, hat lange Diskussionen ins Leben gerufen, ebenso wie die Strittigkeiten der europäischen Presse. Einerseits wurde behauptet, dass es noch keine europäische Presse gäbe und das auch in Zukunft unmöglich sei, da jede Nation ihren eigenen Geschmack, ihre eigenen Bedürfnisse und Vorzüge bei der Wahl von Medien habe. Andererseits meinte die Opposition, dass bereits Projekte wie cafebabel.com auf großes internationales Interesse stoßen würden und der Presse nur mehr Objektivität und ein breiterer Informationsfluss zum Erfolg europaweiter Medien fehle. Ein weiteres Problem wäre der in der Zeitung, die meistens mit regionalen Mitteilungen übersättigt ist, vorherrschende Pletzmangel. 70% amerikanische Filme im lokalen Fernsehen, veranlassen die Regierung dazu, 'unsere' Medienmacher mehr zu unterstützen. Auch Angela Merkels Europapoltik war ein häufig angesprochenes Thema. Soviel zu den Argumentationen.
Neben derartig debatierten Themen fanden allerdings auch unsere Workshops statt, ob Online-, Radio-, Zeitungs-, oder Fernsehjournalismus, alles war vertreten. Ich hatte mich für die vier-minütige Fernsehproduktion 'Melting Pot' entschieden, weil meine Erfahrungen auf dem Gebiet sehr gering, meine Neugier allerdings das Gegenteil war und dies eine gute Option gewesen wäre, neue Erfahrungen zu sammeln. Und das hat sich auch bestätigt. Für unsere vierzehn-köpfige Crew referierte zunächst ein niederländischer Fachmann über Integration, um uns besser an das Thema heranzuführen. Anders als in der Schule redete man hier freiwillig, kreativ und kooperativ mit. Nichts gegen Schule, aber das war einfach besser und welcher Lehrer in Ingolstadt bringt einem schon bei, dass viele Holländer nach Belgien ziehen, um Steuern zu sparen oder Immigranten erst nach Belgien auswandern, damit sie anschließend in den Niederlanden wohnen dürfen? Gemeinsam sammelten wir Ideen, entwickelten das Konzept und legten die Aufgabenverteilung für den Film über das 'Verschmelzen verschiedener Kulturen' fest. Ich war Reporterin, wenn ich dazu sagen darf, eine richtig schlechte. Ist schon erstaunlich den professionellen Teilnehmern über die Schulter zu schauen und dazuzulernen, wieviel besser man etwas hätte besser machen können. Mein Idol war definitiv Noora aus Finnland, die schon seit sieben Jahren bei den Medien eingestellt ist, endlich einmal jemand der es auf den Punkt bringt. Kurz erklärt: wir waren in Techniker, Cutter, Reporter und Helfer eingeteilt und sollten den Kontrast zwischen der reicheren Gesellschaftsschicht im Europaparlament und in 'Elendsvierteln' zeigen. Dabei kam bei den Fragen "Warum sind Sie in Brüssel? Wie fühlt es sich an in der Stadt zu sein? Was würden Sie ändern, um Brüssel genüsslicher zu gestalten?" verschieden Antworten heraus, die auch auf den zweiten Blick den Integrationsgrad angezeigt haben. Während im Hauptgebäude Europas Politiker und Besucher ausgiebig über Verbesserungsvorschläge für mehr Sicherheit, besser strukturiertere Verkehrverbindungen und die Vermeidung des Alt-Neu-Kontrasts sprachen und meistens nur wegen ihrer Arbeit in Brüssel hier waren, ist die Mehrheit der befragten Passanten aus den multikulturellen Elendsvierteln schon in Brüssel geboren und zufrieden mit ihrer Metropole. Viele Menschen der Minderheitsviertel protestierten dagegen, gefilmt zu werden, so dass der Dreh nicht ganz gefahrlos war, dafür aber aufregend. Mit allen Aufnahmen im Kasten suchten wir die Szenen aus, schnitten sie zurecht, vertonten das Werk und bauten noch einige Spezieleffekte ein. Pamela Peeters, unsere professionelle 'helfende Hand', erklärte uns, auf was man achten müsse um gute und schlechte Szenen zu unterscheiden. Natürlich hatten wir am Abend auch ein wenig Freizeit und was macht man da am besten? Viele entschieden sich am ersten Tag für 'ausschlafen', weil sie so erschöpft von den Reisestrapazen gewesen waren. Manche haben sogar auf dem Flughafen übernachtet. Andere widmeten sich erbitterten Billiardwettkämpfen, waren im Internet oder machten zusammen Musik. Eine Kneipentour durch das brüsseler Nachtleben erhielten inclusive. Ein Glück, dass ich mit meinen belgischen Freunden unterwegs war, ich hätte mich sonst wieder verlaufen, bestimmt wieder die teuersten Bars aufgesucht und hätte keine 'historische Führung' vom Grand Place und dem Manneken-Pis, das laut einer Sage die Stadt durch urinieren vor einem Feuer gerettet hat, erhalten.
Belgien ist schon seltsam, aber langsam schließe ich es auch ins Herz, sowie die ganzen europäischen Teilnehmer, die ich kennengelernt habe. Wie wird wohl die Abschiedfeier auf dem 'Kunstboot' werden? Bestimmt genauso toll wie der Rest der Veranstaltung und wenn nicht, bleiben mir trotzdem noch zwei Tage bis zum Abflug, in denen ich die Stadt mit meinen Freunden unsicher machen kann...Was die meisten von uns auf jeden Fall aufrecht erhalten wollen, sind die neuen Bände, die wir geknüpft haben, das heißt von 'GET-IN-CONTACT' zu 'STAY-IN-CONTACT'. In diesem Sinne haben die EYMD-Organisatoren wirklich gute Arbeit geleistet und Europa ein Stückchen nähergebracht.
(Mehr Informationen von unseren 'Spionen', die das ganze Geschehen der EYMD dokumentiert haben, ist unter www.youthmediadays.eu zu finden.
Laura Jaworek, 18
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